„Quantencomputing wird eine wichtige Leittechnologie werden“

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10.06.2021

BASF-Vorstandsvorsitzender Dr. Martin Brudermüller über die Bedeutung eines Quantencomputing-Ökosystems für Deutschland und Europa

 

Quantentechnologien werden eine Reihe disruptiver Innovationen anstoßen, sagt BASF-Vorstandsvorsitzender Dr. Martin Brudermüller. Im Interview erklärt er, was wir von dieser neuen Technologie erwarten können, welche Herausforderungen bei ihrer Entwicklung bestehen – und warum genau jetzt der richtige Zeitpunkt ist, ein Industriekonsortium wie QUTAC zu gründen.

 

BASF-Vorstandsvorsitzender Dr. Martin Brudermüller über die Bedeutung eines Quantencomputing-Ökosystems

Dr. Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender der BASF SE. © BASF SE

 

Herr Dr. Brudermüller, wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wie wird Quantencomputing die Industrie verändern?

In vielerlei Hinsicht. Quantencomputing wird eine Kette disruptiver Innovationen anstoßen, die langfristig das Potenzial haben, unsere Industrie grundlegend zu verändern. Wir werden durch diese Technologie besser, schneller und nachhaltiger werden.

Welche konkreten Neuerungen sind von Quantencomputing zu erwarten?

Nehmen sie die Chemie-Industrie: Kern unserer Aktivitäten ist die Produktion von Chemieprodukten, also von Molekülen und Materialien. Der Einsatz von Quantencomputing wird die Entwicklung solcher Produkte disruptiv verändern. Das bedeutet zunächst, die Produktentwicklung massiv zu beschleunigen, denn Quantencomputing ermöglicht die präzise, schnelle Modellierung von chemischen Reaktionen sowie der Eigenschaften von Molekülen. Aber auch die Untersuchung größerer Moleküle rückt in greifbare Nähe. Dies wird uns dabei helfen, in kürzerer Zeit bessere Produkte zu entwickeln.

Sie haben davon gesprochen, dass der Einsatz von Quantencomputing Unternehmen auch helfen könnte, nachhaltiger zu werden. Welche Möglichkeiten sehen sie hier genau?

Etwa die Möglichkeiten, die quantencomputing-gestützte, verbesserte Simulationen bieten. Die Modellierungen werden es uns zum Beispiel erlauben, bei geringerem Energie- und Rohstoffeinsatz zu produzieren und so unseren CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Oder eine optimierte Logistik, die uns erlaubt unsere Produkte noch effizienter zu unseren Kunden zu bringen.

Warum ist ein eigenes Quantencomputer-Ökosystem für Deutschland und Europa so wichtig?

Quantencomputing wird für fast alle Branchen eine wichtige Leittechnologie werden. Somit ist sie essenziel, um innovationsfähig zu bleiben. Das hat man natürlich nicht nur in Europa, sondern auch in China und den USA erkannt, wo man in der Nutzbarmachung von Quantentechnologien heute schon weiter ist.

Deutschland und Europa sind also unter Zugzwang?

Sagen wir es so: Die Zeit des Abwartens und Beobachtens geht definitiv zu Ende. Deshalb freue ich mich, dass es Deutschland gelungen ist, eine Roadmap festzulegen und wir nun endlich mit der Umsetzung von Maßnahmen beginnen können. QUTAC ist Teil dieser Entwicklung. Das ist aber nur ein erster Schritt. Die Politik darf sich nicht ausruhen. Wirtschaft und Politik müssen jetzt gemeinsam und konzentriert an der Umsetzung arbeiten und dabei auch immer Europa im Blick haben. Deshalb dürfen wir uns auch nicht einer internationalen Zusammenarbeit verschließen, denn alleine schaffen wir das nicht. Das European Quantum Industry Consortium (QuIC) ist ein richtiger und wichtiger Schritt, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können. Souveränität heißt auf Augenhöhe mit den Besten der Welt zu sein und die Möglichkeit zu haben, die beste Option wählen zu können.

Was dürfen wir künftig von QUTAC erwarten? Welchen Anwendungsfeldern werden das Konsortium und seine Mitglieder sich schwerpunktmäßig widmen?

Es wird darum gehen, industrielle Anwendungsfälle, die als Vorbild dienen und den Wert von Quantumcomputing belegen können, zu priorisieren, zu entwickeln und zu kommunizieren, um geschäftliche Auswirkungen zu demonstrieren. Kommerziell nutzbare Quantenanwendungen sind unerlässlich, um eine neue Nachfrage nach Quantentechnologien zu schaffen und einen positiven Kreislauf aus Angebot und Nachfrage in Gang zu setzen. Die von den QUTAC-Mitgliedern zu entwickelnden Anwendungen werden Logistik und Verkehr, Chemie und Finanzwirtschaft betreffen und sich in den Bereichen Kryptographie, Maschinelles Lernen, Optimierung und Simulation bewegen.

 

„Um dem Quantencomputing-Ökosystem auf die Sprünge zu helfen, ist es entscheidend, dass wir in der Wirtschaft alle unsere Kräfte bündeln und uns auf die wichtigsten Fragen fokussieren.“

 

Welche Herausforderungen erschweren es, Quantencomputing auf die Ebene großflächiger industrieller Anwendungen zu heben?

Vor uns stehen zwei große Aufgaben: Einerseits müssen wir in Deutschland und Europa die nötigen Voraussetzungen schaffen, um überhaupt Quantencomputer bauen zu können. Anderseits müssen wir sie auch gewinnbringend nutzen können und jetzt gemeinsam beginnen, die entsprechenden Anwendungen zu entwickeln. Ein besonderes Augenmerk muss außerdem dem Bereich Talent & Bildung gelten: Mit der Reifung der Technologie wird die Nachfrage nach kompetentem Personal steigen, das nicht nur programmieren kann, sondern auch die Herausforderungen so modellieren kann, dass wir sie mit Quantencomputing lösen können. Hier müssen Politik, Industrie und Wissenschaft Hand in Hand arbeiten.

Wie kann QUTAC als unternehmensübergreifendes Konsortium dazu beitragen, diese Herausforderungen zu meistern?

Um Quantencomputing in Richtung einer industriellen Anwendung weiterzuentwickeln, müssen wir jetzt handeln. Wie wir etwa bei der künstlichen Intelligenz, beobachten konnten, sind frühzeitige Investitionen unerlässlich, um einen Wettbewerbsvorteil in einer schnelllebigen digitalen Wirtschaft zu sichern. Um dem Quantencomputing-Ökosystem auf die Sprünge zu helfen, ist es entscheidend, dass wir alle unsere Kräfte bündeln. Nur so haben wir eine Chance im Wettbewerb mit den großen Unternehmen in den USA und den Anstrengungen in China.

Bei QUTAC kommen Unternehmen aus so unterschiedlichen Bereichen wie Technologie, Chemie, Pharma und Automotive, zusammen. Erschweren die unterschiedlichen Anforderungen so vieler Branchen nicht die Zusammenarbeit?

Keineswegs. Die große Vielfalt der in QUTAC vertretenen Branchen und die damit verbundenen Möglichkeit, voneinander zu lernen, macht die Zusammenarbeit besonders spannend. Auch hier gilt: Diversität macht den Erfolg eines Teams nur größer.

Wann kann im Bereich Quantencomputing mit ersten Erfolgen gerechnet werden?

Die Entwicklungsdauer kann von Anwendungsfall zu Anwendungsfall sehr unterschiedlich ausfallen und zwischen fünf und über zehn Jahren liegen. Bei BASF rechnen wir damit, dass in den nächsten 10 Jahren die ersten Anwendungsbereiche von Quantencomputing reif genug sind, um konkreten Mehrwert zu stiften. Die Nutzbarmachung des Quantencomputing ist kein Sprint. Das wird ein Marathon.